Risikobeurteilung für eine Maschine erstellen: Anleitung nach EN ISO 12100
Die Risikobeurteilung ist die Grundlage jeder sicheren Maschine und Pflicht für die CE-Kennzeichnung. Der Hersteller ermittelt darin systematisch alle Gefährdungen, schätzt die Risiken ein und mindert sie nach dem dreistufigen Verfahren der EN ISO 12100. Dieser Leitfaden zeigt Schritt für Schritt, wie Sie eine Risikobeurteilung normgerecht aufbauen, ob Sie sie selbst erstellen oder erstellen lassen.
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Eine Risikobeurteilung ist die systematische Ermittlung, Einschätzung und Bewertung aller Gefährdungen einer Maschine über ihren gesamten Lebenszyklus, mit dem Ziel, die Risiken auf ein vertretbares Maß zu mindern. Die Grundnorm ist EN ISO 12100. Erstellen muss sie der Hersteller der Maschine, also wer sie in Verkehr bringt. Ohne dokumentierte Risikobeurteilung darf keine Maschine mit CE-Kennzeichnung ausgeliefert werden, sie ist Pflichtbestandteil der technischen Dokumentation.
Rechtsgrundlage: Maschinenrichtlinie 2006/42/EG Anhang I (bis 19.01.2027), Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 Anhang III (ab 20.01.2027); Grundnorm EN ISO 12100.Warum die Risikobeurteilung Pflicht ist
Die Pflicht zur Risikobeurteilung ergibt sich direkt aus dem europäischen Produktrecht. Sie ist Voraussetzung für die CE-Kennzeichnung, nicht Kür.
Maschinenrichtlinie und Maschinenverordnung
Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG verlangt in Anhang I ausdrücklich, dass der Hersteller eine Risikobeurteilung durchführt, um die für die Maschine geltenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen zu ermitteln. Die Maschine muss dann unter Berücksichtigung der Ergebnisse dieser Beurteilung konstruiert und gebaut werden. Ab dem 20. Januar 2027 löst die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 die Richtlinie ohne Übergangsfrist ab. Sie führt die Pflicht in Anhang III fort und gilt unmittelbar in allen EU-Mitgliedstaaten. Die Risikobeurteilung bleibt also zwingender Ausgangspunkt der gesamten Konstruktion.
EN ISO 12100 als Grundnorm
Die Rechtsakte sagen, was erreicht werden muss. Die Norm sagt, wie. EN ISO 12100 "Sicherheit von Maschinen, Allgemeine Gestaltungsleitsätze, Risikobeurteilung und Risikominderung" ist die A-Grundnorm für dieses Vorgehen. Sie beschreibt den iterativen Ablauf von der Festlegung der Grenzen über die Gefährdungsidentifikation und Risikoeinschätzung bis zur Risikominderung nach dem dreistufigen Verfahren.
Konformitätsvermutung
EN ISO 12100 ist als harmonisierte Norm gelistet. Wer nach ihr arbeitet, profitiert von der Konformitätsvermutung: Die normgerechte Durchführung der Risikobeurteilung lässt vermuten, dass die zugehörigen grundlegenden Anforderungen an das methodische Vorgehen erfüllt sind. Das erleichtert den Nachweis gegenüber Kunden und Marktüberwachung erheblich.
In 8 Schritten zur Risikobeurteilung nach EN ISO 12100
Die Norm gibt einen iterativen Ablauf vor. Er begleitet die Konstruktion, statt ihr hinterherzulaufen.
Grenzen der Maschine festlegen
Verwendungsgrenzen (bestimmungsgemäßer Gebrauch und vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung), räumliche und zeitliche Grenzen sowie alle Lebensphasen von Transport bis Entsorgung definieren.
Gefährdungen identifizieren
Systematisch alle Gefährdungen erfassen: mechanisch, elektrisch, thermisch, Lärm, Vibration, Strahlung, Werkstoffe, Ergonomie. Anhang B der EN ISO 12100 als Prüfliste nutzen.
Risiko einschätzen
Für jede Gefährdung das Risiko aus Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit abschätzen. Die Wahrscheinlichkeit ergibt sich aus Expositionshäufigkeit, Eintrittswahrscheinlichkeit des Ereignisses und Möglichkeit zur Vermeidung.
Risiko bewerten
Beurteilen, ob eine Risikominderung erforderlich ist oder das Ziel einer hinreichenden Risikominderung bereits erreicht wurde. Ergebnis entscheidet über den weiteren Ablauf.
Maßnahmen nach 3-Stufen-Verfahren
Risiko mindern in fester Reihenfolge: 1. inhärent sichere Konstruktion, 2. technische und ergänzende Schutzmaßnahmen, 3. Benutzerinformation. Erst wenn Stufe 1 ausgeschöpft ist, folgt Stufe 2.
Iterieren
Nach jeder Maßnahme prüfen, ob neue Gefährdungen entstanden sind und ob das Risiko ausreichend gemindert wurde. Den Ablauf so lange wiederholen, bis das Ziel erreicht ist.
Restrisiken bestimmen
Die verbleibenden Restrisiken benennen und in die Betriebsanleitung übernehmen. Der Anwender muss wissen, welche Gefährdungen trotz aller Maßnahmen bestehen bleiben.
Dokumentieren
Den gesamten Prozess nachvollziehbar festhalten: Grenzen, Gefährdungsliste, Bewertung, Maßnahmen, Restrisiken und Normverweise. Die Dokumentation ist Teil der technischen Unterlagen.
Das 3-Stufen-Verfahren der Risikominderung
EN ISO 12100 schreibt die Reihenfolge der Schutzmaßnahmen zwingend vor. Eine spätere Stufe darf eine frühere nicht ersetzen, nur ergänzen.
| Stufe | Maßnahme | Beispiele | Wirkung |
|---|---|---|---|
| 1 | Inhärent sichere Konstruktion | Quetschstellen vermeiden, Kräfte begrenzen, ungefährliche Energieformen wählen, Bauteile eigensicher auslegen | Beseitigt die Gefährdung an der Quelle, wirkt am zuverlässigsten |
| 2 | Technische und ergänzende Schutzmaßnahmen | Trennende Schutzeinrichtungen, Lichtgitter, Zweihandschaltung, Not-Halt, Verriegelungen | Reduziert das Risiko, wenn die Gefährdung nicht konstruktiv zu beseitigen ist |
| 3 | Benutzerinformation | Warnhinweise an der Maschine, Piktogramme nach ISO 7010, Angaben in der Betriebsanleitung | Informiert über verbleibende Restrisiken, ersetzt keine der vorherigen Stufen |
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Zur CE-Koordination →Was in die dokumentierte Risikobeurteilung gehört
Diese Bestandteile sollte jede vollständige Risikobeurteilung nach EN ISO 12100 nachweisen.
- Beschreibung der Maschine und Festlegung ihrer Grenzen (Verwendung, Raum, Zeit, Lebensphasen)
- Bestimmungsgemäßer Gebrauch und vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung
- Vollständige Liste der identifizierten Gefährdungen je Lebensphase
- Risikoeinschätzung mit Schadensausmaß und Eintrittswahrscheinlichkeit (Risikograph oder Bewertungsmatrix)
- Risikobewertung: Ist eine Minderung erforderlich?
- Festgelegte Schutzmaßnahmen nach dem 3-Stufen-Verfahren, jeder Gefährdung zugeordnet
- Verbleibende Restrisiken und ihre Übernahme in die Betriebsanleitung
- Verweise auf angewandte Normen (EN ISO 12100 sowie einschlägige B- und C-Normen)
- Iterative Nachweise: erneute Bewertung nach jeder Maßnahme
- Angaben zu Verfasser, Datum und Versionsstand
Häufige Fehler bei der Risikobeurteilung
Diese Fehler machen eine Risikobeurteilung angreifbar und kosten am Ende Zeit und Sicherheit.
Nachträglich statt begleitend
Wird die Risikobeurteilung erst nach fertiger Konstruktion geschrieben, kann sie keine Schutzmaßnahmen mehr steuern. Sie beschreibt dann nur, was ohnehin gebaut wurde, und verfehlt ihren Zweck.
Lebensphasen vergessen
Betrachtet wird nur der Normalbetrieb. Transport, Montage, Einrichten, Reinigung, Instandhaltung und Störungsbeseitigung bergen aber oft die größten Risiken und müssen einzeln bewertet werden.
Fehlanwendung nicht betrachtet
Die vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung fehlt. Dabei verlangt die Norm ausdrücklich, auch naheliegendes Fehlverhalten der Bediener in die Beurteilung einzubeziehen.
Schnittstellen bei verketteten Anlagen
Jede Einzelmaschine ist beurteilt, die Übergänge zwischen den Modulen nicht. Gerade an Schnittstellen, gemeinsamen Not-Halt-Kreisen und Materialübergaben entstehen neue Gefährdungen.
Restrisiken nicht übernommen
Die verbleibenden Restrisiken landen nicht in der Betriebsanleitung. Damit fehlt dem Anwender die Information, und die Kette aus Risikobeurteilung und Anleitung ist unterbrochen.
Reihenfolge der Maßnahmen missachtet
Statt zuerst konstruktiv zu entschärfen, wird sofort ein Warnschild angebracht. Das 3-Stufen-Verfahren verlangt jedoch, die inhärent sichere Konstruktion zuerst auszuschöpfen.
Erstellen lassen oder selbst erstellen
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- Vollständige Risikobeurteilung nach EN ISO 12100
- Prüfung und Nachbesserung bestehender Beurteilungen
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- Geführter Ablauf von den Grenzen bis zu den Restrisiken
- Gefährdungskataloge und Normwissen integriert
- Wiederverwendbare Vorlagen für ähnliche Maschinen
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Häufige Fragen zur Risikobeurteilung
Was ist eine Risikobeurteilung für eine Maschine?
Welche Norm gilt für die Risikobeurteilung?
Wer muss die Risikobeurteilung erstellen?
Ist die Risikobeurteilung Pflicht für die CE-Kennzeichnung?
Wie schätzt man das Risiko ein?
Was ist das 3-Stufen-Verfahren der Risikominderung?
Welche Lebensphasen muss die Risikobeurteilung abdecken?
Was ist der Unterschied zwischen Risikobeurteilung und Betriebsanleitung?
Wie oft muss eine Risikobeurteilung aktualisiert werden?
Kann ich die Risikobeurteilung selbst erstellen oder auslagern?
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