Leitfaden · Risikobeurteilung

Risikobeurteilung: Vorlage und Aufbau nach EN ISO 12100

Eine Risikobeurteilung braucht eine klare Struktur: lfd. Nummer, Lebensphase, Gefahrstelle, Gefährdung, mögliche Folge, Risiko vor und nach der Maßnahme sowie das Restrisiko. Diese Seite zeigt, wie eine Risikobeurteilungs-Vorlage nach EN ISO 12100 aufgebaut ist, wie Sie sie ausfüllen und warum eine statische Tabelle allein selten reicht.

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Wie ist eine Risikobeurteilungs-Vorlage aufgebaut?

Eine Risikobeurteilungs-Vorlage nach EN ISO 12100 ist eine Tabelle, in der jede Gefährdung Zeile für Zeile erfasst wird: mit laufender Nummer, Lebensphase, Ort und Gefahrstelle, Gefährdungsart (nach den Kategorien aus Anhang B), möglicher Folge, Risiko vor der Maßnahme (Schwere und Wahrscheinlichkeit), Maßnahme nach dem 3-Stufen-Verfahren, Risiko nach der Maßnahme und dem verbleibenden Restrisiko mit Verweis auf die Betriebsanleitung. Eine leere Vorlage liefert nur das Gerüst. Die inhaltliche Bewertung, die Aktualität und die Verknüpfung zur Betriebsanleitung muss der Hersteller selbst sicherstellen.

Rechtsgrundlage: EN ISO 12100 (Risikobeurteilung und Risikominderung); MVO (EU) 2023/1230 Anhang III / MRL 2006/42/EG Anhang I.
Grundlage

Wozu eine Vorlage dient und was sie leisten muss

Die Risikobeurteilung ist die Pflichtgrundlage jeder CE-Kennzeichnung. Eine Vorlage sorgt dafür, dass keine Gefährdung und keine Lebensphase vergessen wird.

Die Risikobeurteilung nach EN ISO 12100 ist der erste und wichtigste Schritt im CE-Prozess. Aus ihr ergeben sich die Schutzmaßnahmen an der Maschine, die Warnhinweise und die Restrisiken in der Betriebsanleitung. Eine gute Vorlage stellt sicher, dass dieser Prozess vollständig und nachvollziehbar dokumentiert wird.

Eine belastbare Vorlage erfüllt drei Aufgaben:

  • Vollständigkeit: Sie führt systematisch durch alle Lebensphasen der Maschine und alle Gefährdungskategorien, damit nichts übersehen wird.
  • Nachvollziehbarkeit: Sie zeigt für jede Gefährdung die Bewertung vor und nach der Maßnahme und macht die Risikominderung prüfbar.
  • Anschlussfähigkeit: Sie verbindet jedes Restrisiko mit dem passenden Hinweis in der Betriebsanleitung, damit die Dokumentation zusammenhängt.

Wichtig: Eine Vorlage ist ein Werkzeug, kein Ergebnis. Sie ersetzt weder die fachliche Bewertung der konkreten Maschine noch die Pflege der Beurteilung über den Lebenszyklus.

Aufbau

Die Spalten einer Risikobeurteilungs-Vorlage

So ist eine Zeile pro Gefährdung aufgebaut. Diese Spalten bilden das dreistufige Verfahren der Risikominderung ab.

Spalte Inhalt
Lfd. Nr. Eindeutige Nummer der Gefährdung zur Referenzierung, etwa in der Betriebsanleitung oder in Prüfprotokollen.
Lebensphase Phase im Lebenszyklus: Transport, Montage, Inbetriebnahme, Normalbetrieb, Einrichten, Reinigung, Wartung, Störungsbeseitigung, Demontage, Entsorgung.
Ort / Gefahrstelle Konkrete Stelle an der Maschine, an der die Gefährdung auftritt, zum Beispiel Einzugstelle, Schaltschrank, Werkzeugbereich.
Gefährdung Art der Gefährdung nach den Kategorien der EN ISO 12100, Anhang B: mechanisch, elektrisch, thermisch, Lärm, Vibration, Strahlung, Werkstoffe und Stoffe, Ergonomie, Umgebung, Kombination.
Mögliche Folge Denkbare Verletzung oder Schädigung, zum Beispiel Quetschung, Stromschlag, Verbrennung, Gehörschaden.
Risiko vor Maßnahme Risikoeinschätzung aus Schwere des Schadens und Wahrscheinlichkeit des Eintritts (Häufigkeit, Vermeidbarkeit), vor jeder Schutzmaßnahme.
Maßnahme (3-Stufen-Verfahren) Festgelegte Risikominderung in der Rangfolge: 1. inhärent sichere Konstruktion, 2. technische Schutzmaßnahmen, 3. Benutzerinformation.
Risiko nach Maßnahme Erneute Bewertung nach Umsetzung der Maßnahme. Reicht sie nicht aus, folgt eine weitere Iteration der Risikominderung.
Restrisiko / Verweis Betriebsanleitung Verbleibendes Restrisiko und der zugehörige Warnhinweis in der Betriebsanleitung, mit Verweis auf Kapitel oder Piktogramm.
Systematik

Die Gefährdungskategorien nach EN ISO 12100

Anhang B der EN ISO 12100 listet die Gefährdungsarten. Wer die Vorlage entlang dieser Kategorien durcharbeitet, übersieht seltener eine Gefahr.

  • Mechanische Gefährdungen: Quetschen, Scheren, Schneiden, Einziehen, Stoß, Durchstich, herausgeschleuderte Teile.
  • Elektrische Gefährdungen: direkter oder indirekter Kontakt, Lichtbogen, elektrostatische Aufladung, thermische Wirkung von Strom.
  • Thermische Gefährdungen: heiße oder kalte Oberflächen, Flammen, Strahlungswärme, Verbrennung, Verbrühung.
  • Gefährdungen durch Lärm: Gehörschäden, Beeinträchtigung der Kommunikation und der Wahrnehmung von Warnsignalen.
  • Gefährdungen durch Vibration: Hand-Arm-Vibration und Ganzkörpervibration mit gesundheitlichen Langzeitfolgen.
  • Gefährdungen durch Strahlung: Laserstrahlung, ionisierende und nichtionisierende Strahlung, elektromagnetische Felder.
  • Gefährdungen durch Werkstoffe und Stoffe: Gefahrstoffe, Stäube, Gase, Nebel, Brand- und Explosionsgefahr, biologische Wirkstoffe.
  • Ergonomische Gefährdungen: Zwangshaltungen, hohe Kräfte, schlechte Erkennbarkeit von Bedienelementen, geistige Über- oder Unterforderung.
  • Gefährdungen durch die Umgebung: Einflüsse am Einsatzort wie Temperatur, Feuchte, Beleuchtung, Verschmutzung oder Ausrutschen.
  • Kombination von Gefährdungen: das Zusammenwirken mehrerer Gefährdungen, das ein höheres Risiko erzeugt als jede einzelne für sich.
Anleitung

In 8 Schritten die Vorlage ausfüllen

So arbeiten Sie eine Risikobeurteilungs-Vorlage nach EN ISO 12100 systematisch durch.

Maschine abgrenzen

Grenzen der Maschine festlegen: Verwendungsgrenzen, räumliche und zeitliche Grenzen, bestimmungsgemäße Verwendung und vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung.

Lebensphasen auflisten

Alle Lebensphasen erfassen, von Transport und Montage über den Betrieb bis zu Wartung und Entsorgung, und je Phase eine eigene Betrachtung anlegen.

Gefährdungen identifizieren

Je Phase und Gefahrstelle die Gefährdungen entlang der Kategorien aus Anhang B durchgehen und Zeile für Zeile in die Vorlage eintragen.

Risiko einschätzen

Für jede Gefährdung das Risiko vor Maßnahme aus Schwere des möglichen Schadens und Eintrittswahrscheinlichkeit bewerten.

Maßnahme festlegen

Risiko mindern in der Rangfolge des 3-Stufen-Verfahrens: erst sichere Konstruktion, dann technische Schutzmaßnahmen, zuletzt Benutzerinformation.

Restrisiko neu bewerten

Das Risiko nach Maßnahme erneut bewerten. Ist es noch zu hoch, die Maßnahme verbessern und die Bewertung wiederholen (Iteration).

Restrisiko dokumentieren

Verbleibende Restrisiken festhalten und mit dem zugehörigen Warnhinweis in der Betriebsanleitung verknüpfen.

Prüfen & freigeben

Die vollständige Beurteilung gegenprüfen, datieren, freigeben und als Teil der technischen Unterlagen archivieren.

Wichtig

Warum eine statische Vorlage an Grenzen stößt

Eine leere Excel- oder Word-Vorlage ist ein guter Start. Als dauerhaftes Arbeitsmittel für mehrere Maschinen zeigt sie aber schnell Schwächen.

Aktualität

Normen und Rechtsgrundlagen ändern sich. Ab dem 20. Januar 2027 gilt die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 ohne Übergangsfrist. Eine statische Vorlage veraltet still: Sie verweist auf alte Fundstellen, ohne dass es jemand bemerkt.

Wiederverwendung

Für eine Baureihe oder ähnliche Maschinen kopieren viele die Datei und passen sie an. Dabei entstehen Versionswirrwarr und übersehene Anpassungen. Eine kopierte Zeile aus einem alten Projekt passt oft nicht zur neuen Maschine.

Konsistenz

Bewertet jeder Bearbeiter Schwere und Wahrscheinlichkeit nach eigenem Gefühl, werden Beurteilungen unvergleichbar. Ohne hinterlegte Kriterien und Textbausteine leidet die Nachvollziehbarkeit.

Verknüpfung zur Betriebsanleitung

Das Restrisiko in Zeile 27 der Tabelle und der Warnhinweis in der Betriebsanleitung sind in getrennten Dateien. Ändert sich die Beurteilung, bleibt der Hinweis leicht unverändert. Genau diese Brüche fallen in der Marktüberwachung auf.

Sie beurteilen mehrere Maschinen oder eine ganze Baureihe? Dann trägt eine reine Tabelle nicht weit. Eine geführte, wiederverwendbare Erstellung hält Bewertung und Anleitung zusammen.

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Zwei Wege

Statt statischer Vorlage: geführt erstellen oder erstellen lassen

Eine Vorlage ist der Anfang. Die Erstellung wird tragfähig, wenn sie geführt, aktuell und wiederverwendbar ist, ob Sie selbst arbeiten oder auslagern.

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  • Aufbau der Vorlage mit allen Spalten und Beispielzeilen
  • Übersicht der Gefährdungskategorien nach EN ISO 12100
  • Liste der Lebensphasen einer Maschine
  • Bewertungslogik für Schwere und Wahrscheinlichkeit
  • Hinweise zur Verknüpfung von Restrisiko und Betriebsanleitung
Aus der Praxis

Häufige Fehler beim Ausfüllen der Vorlage

Diese Fehler machen eine Risikobeurteilung angreifbar, auch wenn die Tabelle vollständig aussieht.

Nur der Normalbetrieb betrachtet

Wartung, Reinigung, Störungsbeseitigung und Einrichten werden vergessen. Gerade in diesen Phasen sind Schutzeinrichtungen oft überbrückt und das Risiko am höchsten.

Maßnahmen in falscher Rangfolge

Statt der sicheren Konstruktion wird gleich zum Warnhinweis gegriffen. Das 3-Stufen-Verfahren verlangt zuerst konstruktive Lösung, dann Technik, erst dann Information.

Risiko nach Maßnahme nicht neu bewertet

Die Spalte bleibt leer oder wird nur behauptet. Ohne erneute Bewertung ist nicht belegt, dass die Maßnahme das Risiko ausreichend mindert.

Vorlage aus altem Projekt übernommen

Zeilen einer anderen Maschine werden unverändert kopiert. Die Gefahrstellen, Bewertungen und Restrisiken passen dann nicht zur konkreten Maschine.

Restrisiken ohne Anschluss

Restrisiken stehen in der Tabelle, tauchen aber nicht in der Betriebsanleitung auf. Die Kette von Gefährdung, Maßnahme und Warnhinweis reißt ab.

Keine Datierung und Freigabe

Ohne Datum, Version und Verantwortlichen ist nicht nachvollziehbar, welcher Stand gilt. Bei Änderungen an der Maschine fehlt der Bezugspunkt.

FAQ

Häufige Fragen zur Risikobeurteilungs-Vorlage

Gibt es eine gesetzlich vorgeschriebene Vorlage für die Risikobeurteilung?
Nein. Weder die Maschinenrichtlinie noch die Maschinenverordnung schreiben ein bestimmtes Formular vor. Vorgegeben ist das Vorgehen nach EN ISO 12100: Gefährdungen ermitteln, Risiko einschätzen, mindern und das Ergebnis nachvollziehbar dokumentieren. Die tabellarische Vorlage ist die in der Praxis übliche Form, um das umzusetzen.
Welche Spalten muss eine Risikobeurteilungs-Vorlage enthalten?
Bewährt sind: laufende Nummer, Lebensphase, Ort und Gefahrstelle, Gefährdungsart, mögliche Folge, Risiko vor Maßnahme, Maßnahme nach dem 3-Stufen-Verfahren, Risiko nach Maßnahme sowie Restrisiko mit Verweis auf die Betriebsanleitung. Diese Struktur bildet die geforderte Kette von der Gefährdung bis zur Restrisiko-Information ab.
Welche Gefährdungskategorien gibt es nach EN ISO 12100?
Anhang B der EN ISO 12100 nennt unter anderem mechanische, elektrische, thermische Gefährdungen sowie Gefährdungen durch Lärm, Vibration, Strahlung, Werkstoffe und Stoffe, ergonomische Gefährdungen, Gefährdungen durch die Umgebung und die Kombination mehrerer Gefährdungen. Die Vorlage entlang dieser Kategorien durchzugehen, reduziert das Risiko, eine Gefahr zu übersehen.
Wie bewerte ich das Risiko in der Vorlage?
Das Risiko ergibt sich aus der Schwere des möglichen Schadens und der Eintrittswahrscheinlichkeit. In die Wahrscheinlichkeit fließen die Häufigkeit und Dauer der Gefährdungsexposition, die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Schadensereignisses und die Möglichkeiten zur Vermeidung ein. Wichtig ist, für alle Zeilen dieselben Kriterien anzuwenden, damit die Bewertungen vergleichbar bleiben.
Was bedeutet das 3-Stufen-Verfahren in der Maßnahmenspalte?
Das dreistufige Verfahren der Risikominderung nach EN ISO 12100 legt die Rangfolge der Maßnahmen fest: erst inhärent sichere Konstruktion, dann technische Schutzmaßnahmen und ergänzende Schutzmaßnahmen, zuletzt Benutzerinformation wie Warnhinweise und Angaben in der Betriebsanleitung. In der Vorlage sollte erkennbar sein, welche Stufe die jeweilige Maßnahme betrifft.
Reicht eine Excel-Vorlage für die Risikobeurteilung aus?
Für eine einzelne, überschaubare Maschine kann eine sorgfältig ausgefüllte Tabelle genügen. Bei mehreren Maschinen, Baureihen oder häufigen Änderungen stößt eine statische Datei an Grenzen: Aktualität, Versionspflege, einheitliche Bewertung und die Verknüpfung zur Betriebsanleitung lassen sich schwer sichern. Dann ist eine geführte Software wie KAIDOC oder die Vergabe an einen Dienstleister sinnvoller.
Wie hängen Restrisiko und Betriebsanleitung zusammen?
Jedes Restrisiko, das nach den Schutzmaßnahmen verbleibt, muss dem Anwender in der Betriebsanleitung mitgeteilt werden, etwa als Warnhinweis oder Piktogramm. In der Vorlage sorgt die Spalte Restrisiko mit Verweis auf die Betriebsanleitung dafür, dass diese Verbindung dokumentiert ist und bei Änderungen nachgezogen wird.
Muss ich für jede Lebensphase eine eigene Betrachtung anlegen?
Ja. EN ISO 12100 verlangt, alle Lebensphasen der Maschine zu betrachten, von Transport, Montage und Inbetriebnahme über Normalbetrieb, Einrichten und Reinigung bis zu Wartung, Störungsbeseitigung, Demontage und Entsorgung. Viele schwere Unfälle geschehen außerhalb des Normalbetriebs, deshalb ist die Spalte Lebensphase in der Vorlage zentral.
Ändert die Maschinenverordnung 2027 etwas an der Risikobeurteilung?
Das Vorgehen nach EN ISO 12100 bleibt der Kern. Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 gilt ab dem 20. Januar 2027 ohne Übergangsfrist und stellt zusätzliche Anforderungen, etwa an den Schutz vor Korrumpierung sowie an KI und autonome Funktionen. Vorlagen und Fundstellen sollten auf die Verordnung aktualisiert werden. Details zeigt unsere Seite zur MVO-Umstellung.
Kann ich die Risikobeurteilung selbst erstellen oder auslagern?
Beides ist möglich. Wer die Kompetenz im Haus aufbauen will, kann die Beurteilung mit einer geführten Software wie KAIDOC selbst erstellen. Wer sie abgeben will oder komplexe Gesamtanlagen beurteilt, lagert sie als Ingenieurdienstleistung an Knutec aus. Häufig ist eine Kombination sinnvoll: Standardmaschinen selbst, kritische Projekte begleitet.

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