Sicherheitstechnik · Nachweis

Performance Level nach EN ISO 13849-1 bestimmen

Der Performance Level ist der Punkt, an dem die Risikobeurteilung auf die Steuerungstechnik trifft. Der erforderliche PLr kommt aus der Bewertung des Risikos, der erreichte PL aus der Architektur der Sicherheitsfunktion. Beides muss zusammenpassen, und beides muss nachweisbar sein.

Kostenloses Erstgespräch, 30 Minuten. Stichtag Maschinenverordnung: noch 0 Tage bis zum 20. Januar 2027.

Performance Level nach EN ISO 13849-1 bestimmen

Der Performance Level ist der Punkt, an dem die Risikobeurteilung auf die Steuerungstechnik trifft. Der erforderliche PLr kommt aus der Bewertung des Risikos, der erreichte PL aus der Architektur der Sicherheitsfunktion. Beides muss zusammenpassen, und beides muss nachweisbar sein.

Quellen: EN ISO 13849-1: Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen, allgemeine Gestaltungsleitsätze; EN ISO 13849-2: Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen, Validierung; IEC 62061: Funktionale Sicherheit sicherheitsbezogener Steuerungssysteme; EN ISO 13855: Anordnung von Schutzeinrichtungen im Hinblick auf Annäherungsgeschwindigkeiten; EN 60204-1: Elektrische Ausrüstung von Maschinen, Stopp-Kategorien; Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, Anhang III.
Beurteilung

Wo bei der PL-Bestimmung fachlich entschieden wird

Die Rechnung ist der einfache Teil. Die Eingangsgrößen sind es nicht.

Die Einstufung von S, F und P

Schadensschwere, Häufigkeit und Vermeidbarkeit werden geschätzt, nicht gemessen. Diese Einstufung bestimmt den PLr und muss begründet sein.

Die Abgrenzung der Sicherheitsfunktion

Wo beginnt und endet die Funktion? Sensor, Logik und Aktor gehören dazu. Bei verketteten Anlagen liegen sie oft in verschiedenen Gewerken.

CCF und Diagnosedeckungsgrad

Ausfälle infolge gemeinsamer Ursache und der erreichte Diagnosedeckungsgrad sind Bewertungen der Umsetzung, keine Katalogwerte.

Die Validierung

Der rechnerische Nachweis ersetzt nicht die Prüfung an der Maschine. Siehe Sicherheitsschnittstellen zwischen Anlagen.

Grundlagen

Wofür wird der Performance Level überhaupt bestimmt?

Wofür wird der Performance Level überhaupt bestimmt?

Für jede einzelne Sicherheitsfunktion.

Nicht für die Maschine, nicht für ein Bauteil und nicht für die Steuerung als Ganzes.

Eine Maschine hat typischerweise mehrere Sicherheitsfunktionen: Schutztürüberwachung, Not-Halt, Muting einer Lichtschranke, sicher begrenzte Geschwindigkeit im Einrichtbetrieb. Jede dieser Funktionen bekommt einen eigenen erforderlichen Performance Level, weil jede ein anderes Risiko abdeckt.

Das ist der häufigste Fehler in Projekten: Es wird pauschal "die Anlage ist PL d" behauptet. Das ist keine Aussage, die sich prüfen lässt. Prüfbar ist nur die Kette aus konkreter Sicherheitsfunktion, dazugehörigem PLr, umgesetzter Schaltung und daraus errechnetem PL.

Die Liste der Sicherheitsfunktionen entsteht deshalb nicht in der Steuerungsplanung, sondern fällt bereits in der Risikobeurteilung an: Immer dann, wenn eine Gefährdung durch eine steuerungstechnische Maßnahme gemindert wird, entsteht eine Sicherheitsfunktion.

Einordnung

Was gehört in die Beschreibung einer Sicherheitsfunktion?

Auslösendes Ereignis

Was startet die Funktion? Öffnen der Schutztür, Betätigen des Not-Halt-Geräts, Unterbrechen des Lichtvorhangs, Überschreiten einer Geschwindigkeit.

Sicherer Zustand

Was ist das Ziel? Stillstand der gefahrbringenden Bewegung, drucklos schalten, Energiezufuhr trennen, Geschwindigkeit auf einen sicheren Wert begrenzen.

Stopp-Kategorie

Stopp 0, 1 oder 2 nach EN 60204-1. Die Wahl entscheidet darüber, ob die Energie sofort getrennt wird oder ob gesteuert stillgesetzt und danach getrennt wird.

Reaktionszeit und Nachlauf

Gesamtzeit von der Auslösung bis zum sicheren Zustand. Sie geht direkt in die Berechnung der Sicherheitsabstände nach EN ISO 13855 ein.

Betriebsarten

In welchen Betriebsarten die Funktion wirkt und in welchen sie bewusst überbrückt wird, etwa im Einrichtbetrieb mit Zustimmtaster.

Verhalten bei Wiederkehr der Energie

Kein selbsttätiger Wiederanlauf. Festlegen, ob quittiert werden muss und wo die Quittierstelle liegt.

Erforderlicher PLr

Ergebnis der Risikobeurteilung für genau diese Funktion, dokumentiert mit der zugrunde liegenden S-, F- und P-Einstufung.

Diese Beschreibung ist kein Formalismus: Ohne sie lässt sich weder der PLr begründen noch die Umsetzung prüfen. Sie gehört in die technischen Unterlagen und ist die Grundlage für die spätere Validierung.

Im Detail

Wie komme ich von der Gefährdung zum erforderlichen PLr?

Schritt 1
Kann die Gefährdung zu einer irreversiblen Verletzung führen, etwa Amputation, Knochenbruch oder Tod?
JaSchwere S2. Weiter zur nächsten Frage.
NeinSchwere S1 für leichte, üblicherweise reversible Verletzungen. Weiter zur nächsten Frage.
Schritt 2
Halten sich Personen häufig oder dauernd im Gefahrenbereich auf, oder wird der Bereich häufiger als etwa einmal pro Stunde betreten?
JaHäufigkeit F2. Weiter zur nächsten Frage.
NeinHäufigkeit F1 bei seltenem oder kurzzeitigem Aufenthalt. Weiter zur nächsten Frage.
Schritt 3
Ist die Gefährdung erkennbar und lässt sie sich durch die Geschwindigkeit des Vorgangs oder durch Ausweichen abwenden?
JaVermeidbarkeit P1. Der PLr steht damit fest.
NeinVermeidbarkeit P2, wenn ein Abwenden praktisch nicht möglich ist. Der PLr steht damit fest.
Schritt 4
Liegt für die Maschinenart eine C-Norm vor, die den PLr für diese Funktion bereits festlegt?
JaDann gilt der dort genannte Wert. Eine eigene Ableitung ist nur nötig, wenn davon abgewichen wird, und muss begründet werden.
NeinEs bleibt bei der eigenen Ableitung über den Risikografen. Die Einstufung von S, F und P wird nachvollziehbar dokumentiert.
Praxis

Welcher PLr ergibt sich aus welcher Kombination?

Schwere S Häufigkeit F Vermeidbarkeit P erforderlicher PLr
S1 leicht, reversibel F1 selten P1 möglich a
S1 leicht, reversibel F1 selten P2 kaum möglich b
S1 leicht, reversibel F2 häufig P1 möglich b
S1 leicht, reversibel F2 häufig P2 kaum möglich c
S2 schwer, irreversibel F1 selten P1 möglich c
S2 schwer, irreversibel F1 selten P2 kaum möglich d
S2 schwer, irreversibel F2 häufig P1 möglich d
S2 schwer, irreversibel F2 häufig P2 kaum möglich e

Der Risikograf ist ein Einstufungswerkzeug, kein Rechenverfahren. Grenzfälle werden nicht weggerundet, sondern begründet: Wer sich zwischen F1 und F2 entscheidet, hält den Grund fest, sonst ist die Einstufung im Streitfall nicht haltbar.

Abgrenzung

Wie entsteht aus Bauteilen der erreichte PL?

Eine Sicherheitsfunktion läuft immer über eine Kette: Sensor erfassen, Logik auswerten, Aktor abschalten. Jedes dieser drei Glieder ist ein Teilsystem mit eigener Ausfallwahrscheinlichkeit je Stunde, der PFHd.

Die PFHd-Werte der Teilsysteme werden addiert. Die Summe entscheidet, welcher Performance Level erreicht wird. Daraus folgt eine Regel, die in der Praxis oft übersehen wird: Drei Teilsysteme mit jeweils PL d ergeben in Summe nicht zwangsläufig PL d, weil sich die Ausfallwahrscheinlichkeiten addieren. Der Abstand zur nächsten Grenze muss also geprüft werden.

Für jedes Teilsystem gibt es zwei Wege. Entweder liefert der Hersteller einen zertifizierten Wert mit PFHd und Kategorie im Datenblatt, dann wird dieser Wert übernommen. Oder das Teilsystem wird selbst aufgebaut, dann sind Kategorie, MTTFd, Diagnosedeckungsgrad DC und die Maßnahmen gegen Ausfälle gemeinsamer Ursache CCF zu bestimmen und daraus der PFHd abzuleiten.

Die Kategorie ist dabei keine Rechengröße, sondern eine Strukturanforderung an die Architektur: einkanalig, einkanalig mit Test, zweikanalig, zweikanalig mit Überwachung. Kategorie und PFHd zusammen ergeben den erreichten PL.

Vorgehen

Was wird für den Nachweis dokumentiert?

  • Liste aller Sicherheitsfunktionen mit Beschreibung, Betriebsart und PLr je Funktion.
  • Begründung der Einstufung von S, F und P, oder Verweis auf die C-Norm, die den PLr vorgibt.
  • Sicherheitsschaltplan oder Blockschaltbild der Kette Sensor, Logik, Aktor je Funktion.
  • Datenblätter der verwendeten Komponenten mit PFHd, Kategorie und, wo relevant, B10d-Wert und angenommener Schaltspielzahl.
  • Berechnung des erreichten PL je Funktion, üblicherweise als Ausdruck aus dem Berechnungswerkzeug.
  • Nachweis der Maßnahmen gegen Ausfälle gemeinsamer Ursache bei mehrkanaligen Architekturen.
  • Validierungsbericht nach EN ISO 13849-2: Prüfung der Umsetzung, Funktionstests, Fehlersimulation und Ergebnis.
  • Angaben zur Gebrauchsdauer und zu erforderlichen Austauschintervallen, die in die Betriebsanleitung übernommen werden.

Die Berechnung allein genügt nicht. EN ISO 13849-2 verlangt eine Validierung der tatsächlichen Umsetzung, also den Abgleich zwischen Papier und Maschine. Ohne dokumentierte Validierung ist der Nachweis unvollständig.

Überblick

Welche Fehler tauchen in Projekten immer wieder auf?

  • Der PL wird pauschal für die Anlage angegeben statt je Sicherheitsfunktion.
  • Der Aktor wird vergessen: Schütz oder Ventil zählen zur Kette und liefern oft den größten PFHd-Beitrag.
  • Beim B10d-Wert wird die tatsächliche Schaltspielzahl nicht berücksichtigt, dadurch fällt die rechnerische Lebensdauer zu optimistisch aus.
  • Der PLr wird an der vorhandenen Hardware ausgerichtet statt am Risiko: Erst wird verbaut, dann passend gerechnet.
  • Zweikanaligkeit wird angenommen, ohne dass Maßnahmen gegen Ausfälle gemeinsamer Ursache umgesetzt oder belegt sind.
  • Die Reaktionszeit fließt nicht in die Sicherheitsabstände ein, der Lichtvorhang steht dadurch zu nah am Gefahrenbereich.
  • Die Validierung nach EN ISO 13849-2 fehlt, es liegt nur ein Berechnungsausdruck vor.
  • Nach einem Umbau oder Software-Update wird die Berechnung nicht nachgeführt.
Selbst erstellen

Die Dokumente selbst erstellen

Für die Beurteilung in diesem Beitrag brauchen Sie Erfahrung. Für das Erstellen der Unterlagen danach brauchen Sie vor allem ein Werkzeug, das die Normvorgaben kennt. Dafür gibt es Kaidoc.app: geführt, normbasiert und über Ihre Maschinen hinweg wiederverwendbar.

Dort finden Sie den vollständigen Weg vom Risikograph über die Kategorien bis zur Berechnung, mit Tabellen und Beispielen.

FAQ

Häufige Fragen zu Performance Level nach EN ISO 13849-1

Was ist der Unterschied zwischen PL und SIL?
Beide beschreiben die Zuverlässigkeit sicherheitsbezogener Steuerungsteile, stammen aber aus unterschiedlichen Normen: PL a bis e aus EN ISO 13849-1, SIL 1 bis 3 aus IEC 62061. Für Maschinensteuerungen sind beide Wege zulässig; die Werte lassen sich über die zugrunde liegende Ausfallwahrscheinlichkeit einander zuordnen. Entscheidend ist, dass innerhalb eines Projekts konsistent gearbeitet und die gewählte Methode dokumentiert wird.
Muss ich rechnen, wenn der Hersteller den PL des Bauteils angibt?
Ja. Die Herstellerangabe gilt für das einzelne Teilsystem, nicht für die gesamte Sicherheitsfunktion. Erst die Summe der PFHd-Werte von Sensor, Logik und Aktor ergibt den erreichten PL der Funktion. Ein zertifizierter Wert erspart die Berechnung des Teilsystems, nicht die der Kette.
Was bedeutet PFHd?
PFHd steht für die mittlere Wahrscheinlichkeit eines gefahrbringenden Ausfalls je Stunde. Der Wert ist die gemeinsame Rechengröße aller Teilsysteme einer Sicherheitsfunktion und ordnet das Ergebnis einem Performance Level zu.
Reicht die Angabe "PL d, Kategorie 3" in der Dokumentation?
Als Ergebniszeile ja, als Nachweis nein. Nachvollziehbar wird das erst mit der Beschreibung der Sicherheitsfunktion, der Begründung des PLr, dem Schaltbild, den Komponentendaten, der Berechnung und dem Validierungsbericht.
Ändert sich durch die Maschinenverordnung etwas an der PL-Bestimmung?
Die Methodik der Norm bleibt bestehen. Die Maschinenverordnung verlangt in Anhang III sichere Steuerungen und stellt zusätzliche Anforderungen an Software und Cybersecurity. Prüfen Sie vor der Anwendung den Ausgabestand der Norm und den aktuellen Listungsstand harmonisierter Normen im EU-Amtsblatt.
Grundlagen

Quellen und Normbezug

  • EN ISO 13849-1: Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen, allgemeine Gestaltungsleitsätze
  • EN ISO 13849-2: Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen, Validierung
  • IEC 62061: Funktionale Sicherheit sicherheitsbezogener Steuerungssysteme
  • EN ISO 13855: Anordnung von Schutzeinrichtungen im Hinblick auf Annäherungsgeschwindigkeiten
  • EN 60204-1: Elektrische Ausrüstung von Maschinen, Stopp-Kategorien
  • Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, Anhang III

Normausgabestände und harmonisierte Fassungen ändern sich laufend. Prüfen Sie Normnummern und Ausgabestände vor der Anwendung gegen den aktuellen Stand im EU-Amtsblatt. Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung und ersetzt keine Rechtsberatung.

Sicherheitsarchitektur bewerten lassen

Wir bewerten Sicherheitsfunktionen nach EN ISO 13849-1, prüfen den Nachweis über Gewerkegrenzen hinweg und dokumentieren das Ergebnis für die technischen Unterlagen.

Antwort in der Regel innerhalb eines Werktags. Unverbindlich.