Fahrerlose Systeme · Verantwortung

CE-Verantwortung bei fahrerlosen Transportsystemen

Fahrerlose Transportfahrzeuge werden als fertige Produkte mit eigenem CE-Zeichen geliefert. Das verleitet zu der Annahme, damit sei die Sache erledigt. Sie ist es nicht: Das System aus Fahrzeugen, Leitsteuerung, Verkehrsregelung und Umgebung ist ein eigenes Produkt, und niemand liefert es fertig mit.

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CE-Verantwortung bei fahrerlosen Transportsystemen

Fahrerlose Transportfahrzeuge werden als fertige Produkte mit eigenem CE-Zeichen geliefert. Das verleitet zu der Annahme, damit sei die Sache erledigt. Sie ist es nicht: Das System aus Fahrzeugen, Leitsteuerung, Verkehrsregelung und Umgebung ist ein eigenes Produkt, und niemand liefert es fertig mit.

Quellen: DIN EN ISO 3691-4:2023-12: Flurförderzeuge, fahrerlose Flurförderzeuge und ihre Systeme; VDMA Fachverband Fördertechnik und Intralogistik: Broschüre zur CE-Kennzeichnung von FTF und FTS; Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, Art. 3 Nr. 16; EN ISO 12100 · EN ISO 13849-1 · EN 60204-1.
Beurteilung

Was beim FTS beurteilt werden muss

Die Gefährdungen entstehen dort, wo das einzelne Fahrzeug nicht mehr zuständig ist.

Das System, nicht das Fahrzeug

Verkehrsregelung, Vorfahrt, Begegnungsverkehr und das Verhalten bei Ausfall der Leitsteuerung sind Systemeigenschaften. Das Fahrzeug-CE deckt sie nicht ab.

Die Umgebung gehört dazu

Fahrwege, Kreuzungen mit Fußgängern, Übergabestellen an stationäre Fördertechnik und Brandschutztüren bestimmen das Risiko mit.

Jede Flottenerweiterung ist zu prüfen

Mehr Fahrzeuge auf derselben Fläche verändern das Verkehrsaufkommen. Siehe Umbau als wesentliche Veränderung.

Schutzfelder allein reichen nicht

Personenerkennung ist eine Sicherheitsfunktion mit einem erforderlichen Performance Level. Der Nachweis gehört in die Dokumentation.

Grundlagen

Wo verläuft die Grenze zwischen Fahrzeug und System?

Ebene Umfang Verantwortlich
Fahrzeug (FTF) Fahrzeug mit Antrieb, Personenschutzsensorik, Lastaufnahme Fahrzeughersteller: CE-Kennzeichnung und Konformitätserklärung
Leitsteuerung Auftragsverwaltung, Verkehrsregelung, Zuweisung von Fahrwegen Systemlieferant
Infrastruktur Fahrwege, Ladestationen, Übergabestationen, Tore und Aufzüge Integrator gemeinsam mit dem Betreiber
FTS als Gesamtsystem Alle Ebenen im Zusammenwirken am konkreten Einsatzort Wer zusammenfügt und in Betrieb nimmt: Integrator oder Betreiber

Die CE-Kennzeichnung des Fahrzeugs deckt das Gesamtsystem nicht ab. Das ist die häufigste Fehlannahme bei FTS-Projekten.

Einordnung

Was ist das Problem bei Plug-and-Play-Erweiterungen?

Fahrerlose Transportsysteme werden bewusst so beworben, dass sich zusätzliche Fahrzeuge scheinbar ohne Aufwand ergänzen lassen. Technisch stimmt das oft, sicherheitstechnisch ist es eine Veränderung des Systems.

Ein zusätzliches Fahrzeug verändert die Verkehrsdichte auf den Fahrwegen, die Belegung von Engstellen und Kreuzungen, das Verhalten an Übergabestationen und die Auslastung von Ladeplätzen. Gefährdungen, die bei drei Fahrzeugen beherrscht waren, können bei acht Fahrzeugen neu bewertet werden müssen.

Dasselbe gilt für Änderungen an den Fahrwegen: eine neue Route durch einen Bereich mit Fußgängerverkehr ist sicherheitstechnisch eine andere Anlage, auch wenn sich an den Fahrzeugen nichts geändert hat.

Prüfen Sie deshalb jede Erweiterung wie eine mögliche wesentliche Veränderung, nicht wie eine Beschaffung.

Im Detail

Was muss ich bei einer Flottenerweiterung prüfen?

Verkehrsdichte und Engstellen

Wie verändern sich Begegnungsfälle an Kreuzungen, in Gängen und an Toren?

Fahrwege durch Personenbereiche

Neue oder geänderte Routen im Mischverkehr mit Fußgängern und Staplern gesondert bewerten.

Kompatibilität der Personenschutzsensorik

Bringen die neuen Fahrzeuge denselben Schutzumfang und dieselben Reaktionszeiten mit wie die bestehenden?

Leitsteuerung und Verkehrsregelung

Ist die Steuerung für die höhere Fahrzeugzahl ausgelegt, und bleibt das Verhalten bei Störungen definiert?

Schnittstellen zu Gebäudetechnik

Tore, Brandschutztüren, Aufzüge, sichere Ansteuerung und Verhalten bei Ausfall.

Aktualisierung der Dokumentation

Risikobeurteilung des Gesamtsystems, Betriebsanleitung und gegebenenfalls Konformitätserklärung fortschreiben.

Praxis

Welche Norm gilt für fahrerlose Flurförderzeuge?

Einschlägig ist DIN EN ISO 3691-4:2023-12 für fahrerlose Flurförderzeuge und ihre Systeme. Sie behandelt sowohl das Fahrzeug als auch Anforderungen an den Betriebsbereich.

Daneben gelten die üblichen Grundlagen: EN ISO 12100 für die Risikobeurteilung, EN ISO 13849-1 für die Steuerungssicherheit der Sicherheitsfunktionen und EN 60204-1 für die elektrische Ausrüstung.

Der VDMA-Fachverband Fördertechnik und Intralogistik hat außerdem eine kostenfreie Broschüre zur CE-Kennzeichnung von FTF und FTS veröffentlicht. Sie ist als Praxisleitfaden für die Rollenabgrenzung hilfreich, ersetzt aber keine eigene Bewertung.

Für Behälterroboter in kubischen Lagersystemen ist EN ISO 3691-4 nicht anwendbar, dort greift eine andere Normlage.

Selbst erstellen

Die Dokumente selbst erstellen

Für die Beurteilung in diesem Beitrag brauchen Sie Erfahrung. Für das Erstellen der Unterlagen danach brauchen Sie vor allem ein Werkzeug, das die Normvorgaben kennt. Dafür gibt es Kaidoc.app: geführt, normbasiert und über Ihre Maschinen hinweg wiederverwendbar.

Dort finden Sie die Abgrenzung zwischen Fahrzeug und System und die Unterlagen, die für beides vorliegen müssen.

FAQ

Häufige Fragen zu CE bei fahrerlosen Transportsystemen

Reicht die CE-Kennzeichnung der einzelnen Fahrzeuge?
Nein. Sie deckt das Fahrzeug ab, nicht das Zusammenwirken von Fahrzeugen, Leitsteuerung, Fahrwegen und Gebäudeschnittstellen am konkreten Einsatzort. Für das Gesamtsystem ist eine eigene Betrachtung erforderlich.
Ist das Hinzufügen eines Fahrzeugs eine wesentliche Veränderung?
Nicht zwangsläufig, aber es muss geprüft werden. Entscheidend ist, ob durch die zusätzlichen Fahrzeuge neue Gefährdungen entstehen oder bestehende Risiken so ansteigen, dass einfache Schutzmaßnahmen nicht mehr genügen.
Wer ist verantwortlich, wenn der Betreiber Fahrzeuge selbst nachbestellt?
Wer die Erweiterung vornimmt und in Betrieb nimmt, verantwortet das veränderte System. Bestellt der Betreiber direkt beim Fahrzeughersteller und integriert selbst, liegt die Systemverantwortung bei ihm.
Gilt EN ISO 3691-4 auch für autonome mobile Roboter (AMR)?
Die Norm in der Ausgabe 2023-12 adressiert fahrerlose Flurförderzeuge einschließlich autonom navigierender Fahrzeuge. Prüfen Sie im Einzelfall den Anwendungsbereich gegen die konkrete Bauform und Funktion Ihres Fahrzeugs.
Grundlagen

Quellen und Normbezug

  • DIN EN ISO 3691-4:2023-12: Flurförderzeuge, fahrerlose Flurförderzeuge und ihre Systeme
  • VDMA Fachverband Fördertechnik und Intralogistik: Broschüre zur CE-Kennzeichnung von FTF und FTS
  • Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, Art. 3 Nr. 16
  • EN ISO 12100 · EN ISO 13849-1 · EN 60204-1

Normausgabestände und harmonisierte Fassungen ändern sich laufend. Prüfen Sie Normnummern und Ausgabestände vor der Anwendung gegen den aktuellen Stand im EU-Amtsblatt. Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung und ersetzt keine Rechtsberatung.

FTS-Projekt sicherheitstechnisch begleiten lassen

Wir beurteilen fahrerlose Systeme im Verbund mit ihrer Umgebung und übernehmen die CE-Koordination zwischen Fahrzeuglieferant, Fördertechnik und Betreiber.

Antwort in der Regel innerhalb eines Werktags. Unverbindlich.