Normen für AKL, Shuttle-Systeme und Behälterroboter
Für automatisierte Lagersysteme gibt es keine harmonisierte C-Norm, die alles abdeckt. Das ist kein Sonderfall, sondern der Regelfall in der Intralogistik. Wo keine Norm die Konformitätsvermutung liefert, tritt die eigene Herleitung an ihre Stelle, und die muss tragen.
Kostenloses Erstgespräch, 30 Minuten. Stichtag Maschinenverordnung: noch 0 Tage bis zum 20. Januar 2027.
Für automatisierte Lagersysteme gibt es keine harmonisierte C-Norm, die alles abdeckt. Das ist kein Sonderfall, sondern der Regelfall in der Intralogistik. Wo keine Norm die Konformitätsvermutung liefert, tritt die eigene Herleitung an ihre Stelle, und die muss tragen.
Quellen: DIN EN 528:2023-02: Regalbediengeräte, Sicherheitsanforderungen; EN 619: Stetigförderer und Systeme, Stückgut; EN 15095: Kraftbetriebene Umlaufregale, Lagerlifte; DIN EN ISO 3691-4:2023-12: Flurförderzeuge, fahrerlose Flurförderzeuge; EN 1010: Druck- und Papierverarbeitungsmaschinen, Sicherheitsanforderungen; EN ISO 11111: Textilmaschinen, Sicherheitsanforderungen; EN ISO 12100 · EN ISO 13849-1 · EN 60204-1.Wie ein Schutzkonzept ohne C-Norm begründet wird
Die Beweislast liegt beim Hersteller. Die Begründung ist das Dokument, das im Zweifel zählt.
Herleitung aus A- und B-Normen
EN ISO 12100 liefert das Verfahren, die B-Normen die Schutzprinzipien für Abstände, trennende Schutzeinrichtungen und Steuerungen.
Anleihen bei benachbarten C-Normen
Normen für Regalbediengeräte, Stetigförderer und Industrieroboter lassen sich sinngemäß heranziehen. Die Übertragbarkeit muss begründet werden.
Der Stand der Technik ist mehr als Normen
Technische Regeln, Fachbereichsinformationen der DGUV und die Praxis vergleichbarer Anlagen gehören zur Bewertung dazu.
Ohne C-Norm zählt die Dokumentation doppelt
Was nicht begründet ist, gilt im Zweifel als nicht bedacht. Siehe CE-Verantwortung bei AKL und Shuttle-Systemen.
Welche C-Normen kommen in Frage und wo passen sie?
| Norm | Ausgabe | Geltungsbereich | Passung für kubische Lagersysteme |
|---|---|---|---|
| DIN EN 528 | 2023-02 | Schienengebundene Regalbediengeräte mit Hubeinrichtung entlang eines Mastes | Nein, abweichende Kinematik |
| EN 619 | aktuell | Stetigförderer für Stückgut | Teilweise, nur Peripherie |
| EN 15095 | aktuell | Kraftbetriebene Umlaufregale und Lagerlifte | Nein |
| DIN EN ISO 3691-4 | 2023-12 | Fahrerlose Flurförderzeuge, AGV, AMR | Teilweise, nur Bodenfahrzeuge |
Ausgabestände ändern sich laufend. Prüfen Sie vor der Anwendung den aktuellen Stand der harmonisierten Normen im EU-Amtsblatt.
Gibt es für Behälterroboter in kubischen Lagersystemen eine eigene C-Norm?
Nein.
Für kubische Lagersysteme, bei denen autonome Roboter auf einem Raster über gestapelten Behältern fahren, existiert derzeit keine spezifische harmonisierte C-Norm. Die Bauform ist jünger als die vorhandenen Normen, und keine davon bildet die Kinematik ab: Die Roboter fahren horizontal auf einem Gitter und heben Behälter vertikal aus dem Stapel, es gibt weder einen Mast wie beim Regalbediengerät noch eine Bodenfahrt wie beim Flurförderzeug.
Das ist keine Gesetzeslücke, sondern der Normalfall bei neuen Bauformen. Fehlt eine C-Norm, wird die Sicherheit über die A- und B-Normen hergeleitet.
Diese Einschätzung ist eine fachliche Schlussfolgerung aus der Scope-Analyse der genannten Normen. Für rechtssichere Kundenkommunikation sollten Sie den aktuellen Amtsblatt-Stand gegenprüfen.
Wie sichere ich ein System ohne passende C-Norm ab?
EN ISO 12100 als Grundlage
Vollständige Risikobeurteilung nach der A-Norm: Grenzen festlegen, Gefährdungen identifizieren, Risiko einschätzen und bewerten, Maßnahmen nach der Drei-Stufen-Methode ableiten.
EN ISO 13849-1 für die Steuerungssicherheit
Erforderlichen Performance Level je Sicherheitsfunktion bestimmen und den erreichten PL nachweisen, insbesondere für Zugangsüberwachung und sicheren Stopp der Roboter.
EN 60204-1 für die elektrische Ausrüstung
Not-Halt, Trennen der Energiezufuhr, Schutz gegen elektrischen Schlag, Kennzeichnung.
Passende C-Normen für die Peripherie anwenden
EN 619 für die anschließende Fördertechnik, EN ISO 3691-4 für ergänzende Bodenfahrzeuge, jeweils für den Bereich, den sie tatsächlich abdecken.
Abweichungen dokumentieren
Halten Sie in den technischen Unterlagen fest, welche C-Norm für welchen Teilbereich herangezogen wurde und warum sie für den Lagerteil nicht anwendbar ist.
Was tun, wenn es für die Maschine überhaupt keine passende C-Norm gibt?
Das ist bei Sondermaschinen der Normalfall, nicht die Ausnahme. Eine C-Norm ist nur anwendbar, wenn ihr Anwendungsbereich die Maschine wirklich erfasst. Passt keine, wird die Sicherheit über die A- und B-Normen hergeleitet: EN ISO 12100 für die Methodik, EN ISO 13849-1 für die Steuerungstechnik, EN 60204-1 für die elektrische Ausrüstung. Das ist die Pflicht und reicht formal aus.
In der Praxis bleibt damit aber die Frage offen, welche Schutzabstände, Geschwindigkeiten und Betriebsarten angemessen sind. Diese Lücke schließen Sie, indem Sie die C-Norm einer technisch ähnlichen Maschine sinngemäß heranziehen. Sie liefert konkrete Zahlenwerte und erprobte Schutzkonzepte, die Sie sonst frei herleiten müssten.
Ein Punkt ist dabei wichtig: Eine sinngemäß angewandte C-Norm erzeugt keine Konformitätsvermutung. Die entsteht nur, wenn die Maschine in den Anwendungsbereich der harmonisierten Norm fällt. Was Sie gewinnen, ist etwas anderes, aber ebenso wertvoll: einen belastbaren Stand der Technik und eine Herleitung, die in der Prüfung nachvollziehbar ist.
Deshalb gehört die Entscheidung dokumentiert. Halten Sie in der Normenliste fest, welche Norm Sie sinngemäß angewandt haben, für welche Aspekte, und warum sie technisch vergleichbar ist. Genauso wichtig ist die Gegenrichtung: welche Punkte der Analogie-Norm nicht passen und wie Sie diese stattdessen abgesichert haben.
Woran erkenne ich eine passende Analogie-Norm?
- Vergleichbare Kinematik: Wie bewegt sich das Werkstück oder Material durch die Maschine, kontinuierlich als Bahn, getaktet als Stückgut, rotierend?
- Vergleichbare Geschwindigkeiten und Energien: Bahngeschwindigkeit, Masse, Antriebsleistung, gespeicherte Energie bestimmen Nachlaufwege und Schutzabstände.
- Gleiche Gefährdungsart: Einzugstellen, Quetsch- und Scherstellen, Schneiden, thermische Gefährdung. Eine Norm, die Ihre Hauptgefährdung nicht kennt, hilft nicht.
- Vergleichbare Zugangssituation: Wie oft und wofür muss Personal in den Gefahrenbereich, im Betrieb, beim Rüsten, bei Störungen?
- Vergleichbare Betriebsarten: Gibt es einen Einrichtbetrieb mit reduzierter Geschwindigkeit und Zustimmtaster?
- Nicht ausschlaggebend ist die Branche. Zwei Maschinen derselben Branche können kinematisch völlig verschieden sein, zwei aus verschiedenen Branchen dagegen fast identisch.
Prüfen Sie mehrere Kandidaten und notieren Sie, warum Sie sich für eine entschieden haben. Diese Begründung ist später der wertvollste Teil der Dokumentation.
Beispiel aus der Praxis: Schweißanlage für Filtermedien von der Rolle
Eine Anlage zur Fertigung von Filterelementen: Filtermedium läuft als Endlosbahn von der Rolle ab, wird längs zusammengeschweißt, abgelängt und mit Quernähten versehen. Für genau diese Maschine existiert keine C-Norm.
Die A- und B-Normen waren gesetzt. Für die konkreten Werte fehlte aber eine Orientierung, vor allem für die Bahnführung: Abwickler, Einzugstellen zwischen Walzen, Bahnspannung, Verhalten bei Bahnriss. Genau dort liegen die gefährlichsten Stellen einer solchen Anlage, und dazu sagen die B-Normen nichts Maschinenspezifisches.
In die engere Wahl kamen zwei C-Normen für bahnverarbeitende Maschinen: die Normenreihe für Druck- und Papierverarbeitungsmaschinen und die Norm für Textilmaschinen. Beide behandeln Rollenware, Einzugstellen an Walzenpaaren und Schutzkonzepte für laufende Bahnen.
Die Entscheidung fiel auf die Textilmaschinen-Norm. Ausschlaggebend war die technische Ähnlichkeit im Detail: vergleichbare Bahngeschwindigkeiten, ein flexibles Flächenmaterial statt steifer Papierbahnen, und eine Ab- und Aufwickelkinematik, die der textilen näher lag als der einer Rollendruckmaschine. Die Papiernormen sind stark auf Druckwerke und deren Zylinderanordnung zugeschnitten, was bei dieser Anlage nicht vorkommt.
Danach ließ sich die Anlage konkret auslegen: Schutzabstände und Verkleidungen an den Einzugstellen, Zugangskonzept für den Rollenwechsel, Betriebsart zum Einfädeln der Bahn mit reduzierter Geschwindigkeit, Not-Halt-Konzept über die Antriebsgruppen. Der Aspekt, den die Textilnorm nicht abdeckt, die thermische Gefährdung durch die Schweißstation, wurde separat über die Risikobeurteilung und die zutreffenden B-Normen abgesichert.
In der Normenliste stand am Ende beides: die sinngemäß angewandte C-Norm mit Begründung der Vergleichbarkeit und die Aufzählung der Aspekte, die abweichend gelöst wurden. Genau dieser Zweiklang macht die Herleitung prüfbar.
Welche Gefährdungen werden bei diesen Systemen am häufigsten übersehen?
- Zugang zur Rasteroberfläche bei Wartung und Störungsbeseitigung, während benachbarte Roboter weiterfahren.
- Herabfallende Behälter oder Ladegut aus dem Stapel beim Ein- und Auslagern.
- Quetschstellen an den Ports, wo Bediener und Robotik aufeinandertreffen.
- Nachlaufwege der Roboter nach Auslösen einer Schutzeinrichtung.
- Rückwirkungen aus dem Lagerverwaltungssystem auf den sicheren Zustand, etwa beim Wiederanlauf nach einer Störung.
- Zonentrennung bei laufendem Teilbetrieb: ein Bereich wird gewartet, während der Rest der Anlage produziert.
Die Dokumente selbst erstellen
Für die Beurteilung in diesem Beitrag brauchen Sie Erfahrung. Für das Erstellen der Unterlagen danach brauchen Sie vor allem ein Werkzeug, das die Normvorgaben kennt. Dafür gibt es Kaidoc.app: geführt, normbasiert und über Ihre Maschinen hinweg wiederverwendbar.
Dort finden Sie die Normenübersicht für Lagersysteme und die Einordnung, welche Norm was abdeckt.
Häufige Fragen zu Normen für AKL und Shuttle-Systeme
Gilt EN 528 für ein kubisches Lagersystem?
Was bedeutet es rechtlich, wenn keine C-Norm passt?
Brauche ich dann eine notifizierte Stelle?
Gilt EN ISO 3691-4 für die Behälterroboter?
Quellen und Normbezug
- DIN EN 528:2023-02: Regalbediengeräte, Sicherheitsanforderungen
- EN 619: Stetigförderer und Systeme, Stückgut
- EN 15095: Kraftbetriebene Umlaufregale, Lagerlifte
- DIN EN ISO 3691-4:2023-12: Flurförderzeuge, fahrerlose Flurförderzeuge
- EN 1010: Druck- und Papierverarbeitungsmaschinen, Sicherheitsanforderungen
- EN ISO 11111: Textilmaschinen, Sicherheitsanforderungen
- EN ISO 12100 · EN ISO 13849-1 · EN 60204-1
Normausgabestände und harmonisierte Fassungen ändern sich laufend. Prüfen Sie Normnummern und Ausgabestände vor der Anwendung gegen den aktuellen Stand im EU-Amtsblatt. Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung und ersetzt keine Rechtsberatung.
Schutzkonzept für Ihr Lagersystem entwickeln lassen
Wo keine harmonisierte Norm greift, zählt die begründete Herleitung. Wir entwickeln und dokumentieren Schutzkonzepte für AKL, Shuttle-Systeme und AutoStore-Anlagen.
Antwort in der Regel innerhalb eines Werktags. Unverbindlich.