Not-Halt-Konzept für verkettete Anlagen
Bei einer Einzelmaschine ist der Not-Halt eine überschaubare Sache. Bei einer verketteten Anlage wird er zur Konzeptfrage: Wie weit soll ein Not-Halt wirken, welche Anlagenteile dürfen weiterlaufen und wer legt die Grenzen fest. Diese Entscheidung ist begründungspflichtig und gehört in die Risikobeurteilung, nicht in die Inbetriebnahme.
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So weit, wie die Gefährdung reicht, und nicht weiter. Ein anlagenweiter Not-Halt klingt sicher, erzeugt aber neue Risiken: unkontrolliert stehenbleibende Lasten, blockierte Fluchtwege durch stehende Fördertechnik und lange Wiederanlaufzeiten, die zu Umgehungen verleiten. Die EN ISO 13850 verlangt deshalb, den Wirkbereich festzulegen und zu begründen. Bei verketteten Anlagen ist genau das die Aufgabe: Bereiche schneiden, Wechselwirkungen prüfen, Entscheidung dokumentieren.
Grundlage: EN ISO 13850 (Not-Halt), EN 60204-1 (Elektrische Ausrüstung), EN ISO 12100, Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 Anhang III.Was beim Not-Halt-Konzept entschieden werden muss
Diese vier Punkte lassen sich nicht aus einer Norm ablesen, sie müssen für die konkrete Anlage bewertet werden.
Der Zuschnitt der Bereiche
Ein Bereich sollte alle Anlagenteile umfassen, zwischen denen eine gefährliche Wechselwirkung besteht. Wo Material übergeben wird, endet ein Bereich selten sauber. Die Schnitte brauchen eine Begründung aus der Risikobeurteilung.
Die Wirkung auf Nachbarbereiche
Bleibt ein Förderer stehen, während der nächste weiterläuft, entstehen Stau, Absturz oder Quetschstellen. Diese Folgewirkungen gehören in die Reaktionsmatrix. Siehe Sicherheitsschnittstellen zwischen Anlagen.
Die Stoppkategorie je Antrieb
Kategorie 0 trennt sofort, Kategorie 1 bremst gesteuert und trennt dann. Bei Hubachsen und schweren Lasten ist die sofortige Trennung oft die gefährlichere Wahl.
Der Wiederanlauf
Nach dem Entriegeln darf nichts von selbst anlaufen. Bei einer Anlage mit vielen Stationen ist die Frage, in welcher Reihenfolge und mit welcher Quittierung wieder angefahren wird, Teil des Konzepts.
Was die Normen zum Not-Halt verlangen
Die Anforderungen sind klar, der Spielraum liegt in der Anwendung.
| Anforderung | Was gilt | Grundlage |
|---|---|---|
| Verfügbarkeit | An jeder Bedienstelle und überall dort, wo eine Gefährdung schnell abgestellt werden muss | EN ISO 13850 |
| Gestaltung | Pilzdrucktaster, rot auf gelbem Grund, ohne Verwechslungsmöglichkeit, jederzeit zugänglich | EN ISO 13850, EN 60204-1 |
| Verrastung | Muss nach dem Betätigen verrasten und darf nur bewusst entriegelt werden | EN ISO 13850 |
| Wirkung | Vorrang vor allen anderen Funktionen, ohne neue Gefährdung zu erzeugen | EN ISO 13850 |
| Stoppkategorie | Kategorie 0 oder 1, gewählt anhand der Risikobeurteilung | EN 60204-1 |
| Wiederanlauf | Kein selbsttätiger Anlauf nach dem Entriegeln, bewusstes Quittieren erforderlich | EN ISO 13850, EN 60204-1 |
| Sicherheitsniveau | Erforderlicher Performance Level aus der Risikobeurteilung, üblicherweise mindestens PL c | EN ISO 13849-1 |
Not-Halt ist keine Schutzmaßnahme
Ein verbreitetes Missverständnis, das in Risikobeurteilungen regelmäßig auftaucht.
Der Not-Halt ist eine ergänzende Schutzmaßnahme. Er darf keine Gefährdung abdecken, die konstruktiv oder durch eine trennende Schutzeinrichtung vermieden werden könnte. Wer in der Risikobeurteilung als Maßnahme "Not-Halt vorhanden" einträgt, hat das dreistufige Verfahren nach EN ISO 12100 nicht angewendet.
Der Grund ist einfach: Ein Not-Halt wirkt erst, wenn ein Mensch ihn betätigt. Bis dahin ist das gefährliche Ereignis in aller Regel schon eingetreten. Er verkürzt die Dauer eines Schadens, er verhindert ihn nicht.
In verketteten Anlagen kommt hinzu, dass ein zu weit geschnittener Not-Halt-Bereich die Anlage so oft und so lange stillsetzt, dass Bediener anfangen, ihn zu vermeiden. Ein Konzept, das im Alltag umgangen wird, ist sicherheitstechnisch wertlos.
In vier Schritten zum belastbaren Konzept
So entsteht ein Not-Halt-Konzept, das die Prüfung übersteht und im Betrieb angenommen wird.
Gefährdungsbereiche aus der Risikobeurteilung ableiten
Nicht die Anlagenstruktur bestimmt die Bereiche, sondern die Reichweite der Gefährdungen und die Wechselwirkungen zwischen den Stationen.
Bereiche schneiden und begründen
Jede Bereichsgrenze bekommt eine schriftliche Begründung. Was nicht begründet ist, gilt im Zweifel als nicht bedacht.
Reaktionsmatrix aufstellen
Welches Ereignis löst in welchem Bereich welche Reaktion aus, und was passiert in den angrenzenden Bereichen. Diese Matrix ist das Abstimmungsdokument für alle Gewerke.
Validieren und dokumentieren
Prüfung an der Anlage, nicht nur am Schaltplan: Wirkbereiche durchtesten, Stoppzeiten messen, Wiederanlauf prüfen und das Ergebnis in die technischen Unterlagen aufnehmen.
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Für den Zuschnitt der Bereiche brauchen Sie Erfahrung mit der konkreten Anlage. Für die Dokumentation danach brauchen Sie vor allem ein Werkzeug, das die Normvorgaben kennt. Dafür gibt es Kaidoc.app: geführt, normbasiert und über Ihre Maschinen hinweg wiederverwendbar.
Dort finden Sie die geführte Risikobeurteilung nach EN ISO 12100, aus der das Not-Halt-Konzept hervorgeht, und die Bausteine für Betriebsanleitung und Konformitätserklärung.
Häufige Fragen zum Not-Halt-Konzept
Braucht jede Anlage einen anlagenweiten Not-Halt?
Welchen Performance Level muss die Not-Halt-Funktion erreichen?
Ist der Not-Halt eine Schutzeinrichtung im Sinne der Risikobeurteilung?
Wer legt die Not-Halt-Bereiche bei mehreren Lieferanten fest?
Reicht ein Not-Halt-Taster an der Hauptbedienstelle?
Quellen und Normbezug
- EN ISO 13850: Sicherheit von Maschinen, Not-Halt, Gestaltungsleitsätze
- EN 60204-1: Elektrische Ausrüstung von Maschinen, allgemeine Anforderungen
- EN ISO 12100: Risikobeurteilung und Risikominderung
- EN ISO 13849-1: Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen
- Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, Anhang III
Normausgabestände und harmonisierte Fassungen ändern sich laufend. Prüfen Sie Normnummern und Ausgabestände vor der Anwendung gegen den aktuellen Stand im EU-Amtsblatt. Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung und ersetzt keine Rechtsberatung.
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